Betteln abgewöhnen – die 6 häufigsten Fehler

Grace bellt hoch und energisch. Dabei springt sie manchmal mit allen vier Pfoten gleichzeitig in die Luft.
„Ich.Will.Jetzt.Essen.Vom.Tisch.“

Sie kommt an den Tisch und schiebt ihre wuschelige Nase über die Kante. Die Nase vibriert. Die Augen sind aufgerissen, versuchen ebenfalls zu orten, was es Gutes gibt und wo genau.

Mh. Ich überlege. Was genau will sie eigentlich? Sie hat gerade einen Napf Futter bekommen. Sie müsste satt sein. Naja, satt ist ein Hund bekanntlich nie. Obwohl Leckerchen eigentlich nie gut genug sind, um sich dafür hinzusetzen oder Platz zu machen, ist Essen auf dem Tisch sehr hochwertig für sie. Wir haben Leberwurst. Die will sie vermutlich haben.

Inzwischen ist Grace zu ihrem Platz gelaufen und beginnt, das Liegekissen herauszuzerren. Sie schaut immer wieder zu mir: Na, kriege ich endlich was?
Nein, Grace, dafür nicht.

Ich weiß, wenn ich schon etwas vom Tisch füttere, dann auf jeden Fall für ein gutes Verhalten. Nötig wäre es ja nicht, überhaupt etwas vom Tisch zu geben. Aber ich bin nicht alleine im Haushalt, mein Mann gehört ja auch dazu. Und der wirft schon mal das eine oder andere Bröckchen runter. Und eben auch und gerade dann, wenn Grace auf sich aufmerksam macht.

Er hat gelernt, dass es besser ist, Grace nur was zu geben für gutes Verhalten, also zum Beispiel Liegen auf dem Platz. Oder wenigstens braves Sitzen, geduldig und ohne Bellen.

Nun also bellt Grace, damit wir merken, dass sie was will, und versucht dann, ein in unseren Augen gutes Verhalten zu zeigen. Sie weiß nur noch nicht so genau, welches das ist.

Damit ist eigentlich die Situation fertig beschrieben. Und diverse Fehler können leicht erkannt werden, oder?

Fehler Nr. 1:
Du belohnst das gute Verhalten nicht, bevor unerwünschtes Verhalten auftritt, weil du es nicht bemerkst. Denke daran: „Jeder Hund zeigt immer gutes Verhalten, bevor er unerwünschtes Verhalten zeigt.“ (Zitat Dr. Ute Blaschke-Berthold) Denke also daran, deinen Hund zu belohnen, wenn er sich gut verhält, während du noch den Tisch deckst oder dich soeben hinsetzt.

Gutes Verhalten darf und soll belohnt werden!

Gutes Verhalten darf und soll belohnt werden!

Fehler Nr. 2
Du reagierst auf Aufmerksamkeit suchendes Verhalten. Wenn dein Hund bellt, am Bein kratzt, hochspringt, die Nase auf den Tisch legt….dann sagst du etwas oder schaust ihn zumindest an. Dein Hund freut sich, dass er jetzt deine Aufmerksamkeit hat.
Klar, man kann nicht jedes Verhalten ignorieren, und es macht manchmal Sinn, schon den Ansatz dazu zu stoppen, z.B. wenn der Hund militant genug ist auch auf den Tisch zu springen im Notfall – manche Fehler sind schwer zu vermeiden. Dieser Fehler ist durch viel früheres Belohnen zu vermeiden.
Wenn du aber weißt, so sehr zu weit wird dein Hund nicht gehen, ist ignorieren an dieser Stelle sinnvoll. Denn das Verhalten zielt darauf ab, deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Dein Hund will dir vermitteln, was er sich gerade wünscht. Reagierst du darauf mit Schimpfen, Äh-Äh – sagen oder auch nur Hinschauen, fühlt er sich bestätigt und wird wieder so handeln.
Ignorieren bedeutet, keinerlei Reaktion in Richtung Hund senden:

  • nicht ansprechen
  • nicht anschauen
  • nicht anfassen
  • Aufmerksamkeit belohnt Verhalten

    Aufmerksamkeit belohnt Verhalten

    Fehler Nr. 3
    Du möchtest nach dem Betteln jetzt gutes Verhalten belohnen und tust das auch sofort.
    Die Verbindung zum unerwünschten Verhalten ist groß, dein Hund hat gelernt: Erst mache ich Radau, dann bin ich brav, dann bekomme ich was. Er hat eine Kette gelernt. Zähle erst bis 5, bevor du belohnst. Wer erst Radau macht, muss eben etwas warten. (Denke aber daran: eigentlich bist du Schuld – du hast vergessen, das gute Verhalten schon viel früher zu belohnen!)

    Fehler Nr. 4
    Dein Hund ist richtig brav, du hast bis 5 gezählt und belohnst ihn. Aber mit etwas Minderwertigem. Nur Brot statt mit Leberwurst. ^^ Dein Hund ist frustriert und beginnt wieder mit dem unerwünschten Verhalten. Belohne wirklich gutes Verhalten hochwertig, am besten mit dem, was der Hund im Augenblick haben will.

    Fehler Nr.5
    Du hast deinen Hund belohnt und denkst das genügt. Du isst also selber weiter, und kümmerst dich nicht mehr um ihn. Dein Hund wird wieder unerwünschtes Verhalten zeigen, denn er ist frustriert. Er ist immer noch brav gewesen, aber es gab keine Belohnung mehr.
    Belohne häufig hintereinander. Am Ende gibst du ein klares Signal für „Ende“. Wenn du magst, kannst du ihm noch ein paar Hundeleckerchen auf den Liegeplatz streuen zum Suchen, um die Belohnungssequenz abzuschließen, wenn er das so kennt aus den Trainingssessions. Nach dem Endesignal und evtl. gestreuten Leckerchen bleibst du „hart“ und gibst wirklich nichts mehr! Nichts, gar nichts. Auch nicht die Sehne vom Schinken, oder das letzte Stück Brot. „Ende“ muss für den Hund ein wirklich eindeutiges Signal sein und kein „vielleicht gibt es noch was“-Ende.

    Fehler Nr. 6
    Sag mal, hast du deinem Hund überhaupt beigebracht, wo er liegen soll, während ihr esst? Oder was er tun soll? Nein? Woher soll er es dann wissen?
    Zuerst musst du selber wissen, wie sich dein Hund verhalten soll, wenn lecker duftendes Essen auf dem Tisch steht.
    Etwas nicht zu tun enthält keine Information darüber, was zu tun ist!

    Liegen auf dem Sofa  als Alternativverhalten zu Betteln am Tisch.

    Liegen auf dem Sofa als Alternativverhalten zu Betteln am Tisch.

    Bringe ihm separat bei, dass sich der Aufenthalt an dem Platz, an dem er sich befinden soll, für ihn lohnt. Egal was du genau möchtest, baue es ganz klar und in kleinen Schritten auf. Zeige deinem Hund genau, was er tun soll, ohne dass Essen auf dem Tisch steht. Im nächsten Schritt zeigst du ihm, dass er dort sein soll während der Essenszeiten. Du musst also ausnahmsweise mal Multi-Tasking machen und gleichzeitig essen und deinen Hund trainieren. Du kannst dich aber auch mit deinem Partner abwechseln beim Essen und Trainieren.

    Wenn du diesen Punkt von Anfang an gut und gründlich aufgebaut hast, sind die anderen 5 Punkte nie ein Problem. Dein Hund hat es gar nicht nötig zu betteln, denn er kennt ein Verhalten, das sich für ihn lohnt.
    Wenn dazu noch alle Familienmitglieder „hart“ genug sind, nichts vom Tisch zu füttern, hast du einen Hund, der nicht bettelt.

    Sollte letzteres nicht der Fall ist, hast du zumindest einen Hund, der weiß, wie er „betteln“ muss, um zum Erfolg zu kommen: Auf dem gewünschten Platz liegen und brav gucken zum Beispiel. Mit einem klaren Ziel vor Augen tritt aufdringliches Betteln nicht mehr auf.

    Written by BettinaHaas

    Hundetrainerin aus Mittelfranken, Bayern. Ausbildung zum Verhaltenstrainer für Menschen mit Hund bei CumCane®.

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